Vertrauen, Verantwortung und Führung: Warum das Gesundheitssystem aktuell an drei entscheidenden Punkten unter Druck steht

„Hier wird gerade viel Vertrauen verspielt.“

Ein harter Satz. Aber einer, der in Gesprächen mit Führungskräften aus Pflege, Ärzt*innen und Klinikleitungen immer häufiger fällt.

„Nicht unbedingt, weil jede politische Entscheidung oder jede strategische Maßnahme in Kliniken falsch wäre, sondern weil angekündigte Entscheidungen oft anders umgesetzt werden.“

Ein Standort wird „gesichert“.
➡️Kurz darauf werden Abteilungen geschlossen.

Es wird angekündigt, man arbeite „gemeinsam an einer Lösung“.
➡️Am Ende kommt die Entscheidung doch von oben.

Ein Konzept wird vorgestellt.
➡️Ein Jahr später gilt plötzlich eine andere Strategie.

Auch politische Reformen – etwa im Zuge der Krankenhausreform – werfen bei vielen Praktiker*innen Fragen auf: „Wie lässt sich die Umsetzung in der Realität gestalten? Und wird die Reform tatsächlich zu einer besseren Versorgung beitragen?“

Die Folge ist weniger lautstarke Kritik als vielmehr eine stille Veränderung der Haltung. Viele Leistungsträger reagieren auf neue Ankündigungen zunehmend zurückhaltend.

Der Satz, den man dann oft hört, lautet:

„Warten wir erst einmal ab, was wirklich passiert.“

Vertrauen entsteht nicht durch Strategiepapiere oder Gesetzestexte. Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit. Und genau daran mangelt es im System derzeit vielerorts.

➡️Strategien wechseln im Jahrestakt.

➡️Politische Rahmenbedingungen verändern sich schnell.

➡️Wirtschaftlicher Druck führt zu kurzfristigen Kurskorrekturen.

Was Organisationen aber eigentlich brauchen, ist vor allem eines: Planbarkeit.

Autor:

Florian Winkler ist Managing Partner bei SOLUTE und seit 2008 spezialisiert auf Besetzungsverfahren in Kliniken – von Ärztespitzenpositionen über Management- und Digitalrollen bis hin zur Begleitung komplexer Restrukturierungs- und Fusionsprojekte.

Jede Region braucht Versorgung, aber nicht jede Klinik ist systemrelevant

Ein weiterer Satz, der ebenfalls oft gesagt wurde und für viele unbequem ist, lautet:

„Nicht jede Klinik ist systemrelevant.“

Gerade in Regionen, in denen ein Krankenhaus Identität, Arbeitgeber und Sicherheitsgefühl zugleich ist, trifft diese Aussage einen empfindlichen Punkt.

Doch wenn man ehrlich ist, wird nicht jeder Standort dauerhaft das gesamte medizinische Spektrum anbieten können, das sich dort inzwischen entwickelt hat. Oft wird verkannt, dass diese Kliniken unter ganz anderen Bedingungen entstanden sind: mit einer breit aufgestellten Inneren Medizin und Chirurgie, die größtenteils recht konservativ versorgte und technisch-apparativ bei Weitem nicht so ausgestattet war, wie es nach heutigem medizinischem Stand notwendig ist und erwartet wird. Heute verfügen selbst diese Kliniken über keine Allgemeine Innere Medizin mehr, sondern eine spezialisierte Kardiologie, Gastroenterologie, Pneumologie und Geriatrie. All diese Bereiche benötigen sehr unterschiedlich spezialisiertes Personal und– vom Herzkatheterlabor über eine State-of-the-Art-Endoskopie – auch apparativ deutlich mehr Ausstattung als früher, um für Patient*innen überhaupt attraktiv zu sein und angenommen zu werden.

Das können wir aber natürlich nicht an genau so vielen Standorten anbieten und vorhalten wie die gute alte Schwarzwaldklinik mit Professor Brinkmann, der am Ende notfalls alles selbst operiert hat und dafür im Zweifelsfall nicht einmal einen OP-Saal mit allem Drum und Dran gebraucht hätte. Genau darauf zielt die Krankenhausreform: mehr Spezialisierung, stärkere Konzentration von Leistungen, die personell und investiv aufwändig sind, sowie neue Versorgungsformen für Basismedizin in der Fläche.

Für kleinere Standorte entsteht daraus ein Spannungsfeld. Neue Versorgungsstrukturen werden aufgebaut – etwa sektorenübergreifende Einrichtungen oder spezialisierte Versorgungsmodelle. Gleichzeitig tritt häufig ein praktisches Problem zutage: Die Akzeptanz bleibt zunächst gering. Patient*innen fahren trotz vorhandener Alternativen lieber direkt in das Krankenhaus mit dem Image der Maximalversorgung.

Das zeigt: Versorgung ist nicht nur eine Frage von Struktur, sondern auch von Vertrauen, Gewohnheit und Erwartung.

➡️Neue Modelle brauchen Zeit.
➡️Sie brauchen klare Kommunikation.
➡️Und sie brauchen ein Umdenken – im System ebenso wie bei Patient*innen.

Zeitgleich stellt sich eine unternehmerische Frage für alle Gesellschafter*innen oder Geschäftsführer*innen: „Warum soll es mein Krankenhaus sein, das künftig nicht mehr alles erbringen darf?“ Schließlich bedeutet ein staatlich verordnetes Downgrading ganz konkret einen Eingriff in die unternehmerische Handlungsfähigkeit: Versorgungs- bzw. Geschäfts- oder Leistungsbereiche fallen weg, Umsätze verringern sich, Personal wird nicht mehr gebraucht. Aber nicht, weil es die unternehmerische Entscheidung gewesen wäre, sondern weil der gesetzliche Rahmen anderes nicht mehr zuließ. Am einfachsten haben es Klinikverbünde, die ihre Leistungen innerhalb der Region verlagern können und so teils gar nichts verlieren. Für kleinere Einzelplayer sieht es schlechter aus. Vom zuvor wichtigen Arbeitgeber und größten Unternehmen im Landkreis wird man dann schnell zu einem Gesundheitsunternehmen unter vielen. Ein schmerzlicher Weg.

Nicht jede Klinik kann alles leisten. Aber jede Region braucht eine verlässliche medizinische Versorgung. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie organisieren wir diese sinnvoll und welchen Beitrag kann jede Einrichtung leisten?

„Denn auch wir als Entscheider sind Teil des Problems.“

Wenn über die Krankenhaus-„Krise“ gesprochen wird, liegt der Fokus häufig auf Politik, Finanzierung oder gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Doch ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Akteur*innen im System selbst – bei Geschäftsführungen, Berater*innen, politischen Entscheider*innen und anderen Beteiligten.

Über viele Jahre wurden Strategien entwickelt, Wirtschaftlichkeitsanalysen erstellt, neue Abteilungen aufgebaut und Businesspläne geschrieben. Prozesse wurden optimiert und Synergien gestärkt.

Nicht selten stand dabei die Frage im Vordergrund, wie sich zusätzliche Erlöse generieren lassen.

Viele wussten gleichzeitig, dass:

➡️die Finanzierung des Systems dauerhaft angespannt ist.

➡️manche Häuser strukturell kaum überlebensfähig sind.

➡️neue Abteilungen häufig Ärzt*innen benötigen würden, die am Markt kaum verfügbar sind.

➡️so viele Patient*innen gar nicht vorhanden sind, dass alle Anbieter*innen ihre Kapazitäten wirklich auslasten können.

Und trotzdem wurde vielerorts weitergemacht. In der Hoffnung, dass es irgendwie funktionieren würde. Wachstum um (fast) jeden Preis.

War das böser Wille? Sicher nicht.

Aber die Realität ist: Die Probleme im Gesundheitswesen sind nicht über Nacht entstanden. Sie sind das Ergebnis vieler kleiner politischer, wirtschaftlicher und strategischer Entscheidungen.

Wenn wir heute über Reformen, Zentralisierung oder Standortschließungen sprechen, sollten wir daher nicht so tun, als wären wir nur Beobachter*innen.

Wir waren und sind Akteur*innen.

Und genau deshalb liegt die Verantwortung auch bei uns, Veränderungen künftig transparenter und ehrlicher zu gestalten.

Personalberatung im Gesundheitswesen bedeutet mehr als Recruiting

In diesem Kontext stellt sich auch für uns eine grundsätzliche Frage: „Welche Rolle spielen eigentlich Berater*innen im Gesundheitswesen?“

Natürlich gehört dazu die klassische Aufgabe der Personalberatung: Führungspositionen zu definieren, geeignete Persönlichkeiten zu identifizieren, Auswahlprozesse zu begleiten und das Matching zwischen Person und Aufgabe sicherzustellen.

Doch in der Praxis geht diese Rolle oft darüber hinaus.

Viele Gespräche mit Geschäftsführungen und Führungskräften drehen sich nicht nur um konkrete Besetzungsprozesse. Es geht um strategische Fragen, um Marktbeobachtungen und um die Frage, wie Organisationen mit den aktuellen Veränderungen umgehen können.

Beratung bedeutet deshalb auch:

➡️Sparringspartner*in für Geschäftsführungen zu sein

➡️Entwicklungen im Markt einzuordnen

➡️Führung und Organisation kritisch zu reflektieren

➡️eine eigene Haltung zum System einzubringen

Und nicht zuletzt bedeutet es, selbst Teil dieses Systems zu sein – als Marktteilnehmer*in, als Unternehmer*in und auch als Bürger*in, der/die auf eine funktionierende Gesundheitsversorgung angewiesen ist und aus eigenem Antrieb dazu beiträgt, dass sie weiterhin funktioniert

Die eigentliche Herausforderung

Die aktuellen Probleme im Gesundheitswesen sind komplex. Strukturreformen, wirtschaftlicher Druck, politische Rahmenbedingungen und Personalmangel greifen ineinander.

Doch drei Punkte werden besonders deutlich:

  • Neue Versorgungsstrukturen funktionieren nur, wenn Vertrauen entsteht.
  • Die Krise des Systems ist das Ergebnis vieler gemeinsamer Entscheidungen.
  • Und ohne gute Führung wird kein Strukturwandel gelingen.

Wer über die Zukunft der Krankenhäuser spricht, sollte deshalb nicht nur über Bettenzahlen, Budgets und Reformgesetze diskutieren.

Sondern auch über Verantwortung, Vertrauen und Führung.

Denn genau dort entscheidet sich, ob Veränderung tatsächlich gelingt.