Krankenhausreformen verändern nicht nur die Versorgung. Sie verändern zuerst die Personalplanung

Wer regelmäßig Krankenhausleitungen, Chefärzt*innen und weitere Führungspositionen in Kliniken besetzt, erlebt die Auswirkungen gesundheitspolitischer Reformen früher als andere. Denn bevor sich Veränderungen in Versorgungszahlen oder Jahresabschlüssen zeigen, verändern sie bereits die Personalplanung.

In den vergangenen Jahren haben wir dieses Muster nach nahezu jeder größeren Reform beobachtet. Ob KHVVG, das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz oder Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses: Sobald die relevanten Gremien entschieden haben, kehrt etwas ein, das für Krankenhäuser fast ebenso wichtig ist wie die Inhalte selbst: Klarheit. Das bedeutet nicht, dass die Verantwortlichen die neuen Regelungen begrüßen. Manche Vorgaben werden als erhebliche Belastung empfunden. Aber sie wissen nun, worauf sie sich einstellen müssen.

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Florian Winkler ist Managing Partner bei SOLUTE. Seit 2008 berät er Unternehmen der Gesundheitswirtschaft, darunter Universitätskliniken sowie Maximal- und Schwerpunktversorger, bei der Besetzung von Führungspositionen und der personellen Weiterentwicklung. Aus seiner Beratungspraxis kennt er die Auswirkungen gesundheitspolitischer Reformen auf Personalplanung und strategische Entscheidungen der Kliniken aus erster Hand.

Planungssicherheit löst Investitionen aus

Krankenhäuser sind seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass sich Rahmenbedingungen, Qualitätsvorgaben und Finanzierungsmechanismen regelmäßig ändern. In einem hochkomplexen Gesundheitssystem bedeutet jede neue gesetzliche Vorgabe zunächst vor allem eines: Analyse. Welche Leistungen dürfen künftig noch erbracht werden? Welche Leistungsgruppen sollen aufgebaut werden? Welche personellen Voraussetzungen und Qualifikationen sind nötig? Welche Bereiche verlieren künftig an Bedeutung?

Sobald diese Fragen beantwortet sind, beobachten wir regelmäßig einen deutlichen Anstieg neuer Suchmandate. Kliniken müssen Chefärzt*innen gewinnen, spezialisierte Oberärzt*innen aufbauen, neue medizinische Schwerpunkte entwickeln oder zusätzliche Fach- und Führungskräfte einstellen – um gesetzliche Mindestanforderungen zu erfüllen oder neue strategische Chancen zu nutzen.

Erstmals erleben wir eine andere Entwicklung

Aktuell beobachten wir jedoch etwas, das bislang deutlich seltener vorkam. Kliniken beauftragen Suchmandate und ziehen sie kurze Zeit später wieder zurück. Laufende Projekte und bereits gestartete Besetzungsverfahren werden gestoppt. Nicht weil der Versorgungsbedarf plötzlich verschwunden wäre oder die Zusammenarbeit mit uns nicht funktioniert. Sondern weil sich die wirtschaftlichen Projektionen durch die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen so deutlich verändert haben, dass zusätzliche Personalkosten nicht mehr verantwortet werden können – selbst wenn sie medizinisch oder strategisch sinnvoll wäre.

Wenn Wirtschaftlichkeit die Medizinstrategie verändert

Zwei aktuelle Beispiele haben mich besonders nachdenklich gemacht. Im Briefing schilderte uns der Geschäftsführer eines Krankenhauses, dass die Region onkologisch unterversorgt sei. Die Onkologie sollte deshalb weiterentwickelt werden. Nur kurze Zeit später wurde diese Strategie infrage gestellt – nicht wegen eines veränderten medizinischen Bedarfs oder fehlender Interessent*innen, sondern aufgrund einer neuen wirtschaftlichen Bewertung. Die fehlenden ambulanten Versorgungsmöglichkeiten machen es unmöglich, die Onkologie wirtschaftlich tragfähig zu betreiben. Gleichzeitig kann die stationäre Versorgung im Zusammenspiel mit anderen Fachabteilungen nach den neuen gesetzlichen Regelungen auf dem bestehenden Niveau sichergestellt werden. Die Konsequenz: Die geplante personelle Weiterentwicklung wurde gestoppt. Aus Sicht des Krankenhauses ist das nachvollziehbar. Die Verantwortlichen handeln innerhalb ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten und zum Wohle des Gesamtunternehmens und all seiner Mitarbeitenden. Die mögliche Verbesserung der Versorgungsqualität gerät dabei jedoch in den Hintergrund.

Ähnlich verlief eine frisch beauftragte Suche in der Geriatrie eines größeren Trägers. Auswahlgespräche hatten bereits stattgefunden, als die Besetzung wegen einer strategischen Neubewertung und geplanter Strukturänderungen gestoppt wurde. Welche Konsequenzen daraus folgen — eine standortübergreifende Leitung oder ein Abbau der Versorgung — ist derzeit noch offen.

Pflicht schlägt Perspektive

Diese Entwicklung beobachten wir derzeit häufiger. Investiert wird vor allem dort, wo gesetzliche Vorgaben erfüllt werden müssen oder Leistungsgruppen unmittelbar betroffen sind. Medizinisch sinnvolle Bereiche ohne direkten regulatorischen Vorteil geraten unter Druck. Weiterentwicklungen werden verschoben, neue Schwerpunkte kritisch hinterfragt, Innovationen vertagt – nicht aus mangelndem Willen, sondern wegen fehlender finanzieller Spielräume.

Es gibt nur wenige Beispiele, in denen sich Kliniken noch etwas leisten, einfach weil es für die versorgte Bevölkerung wichtig ist. Eines haben wir kürzlich erlebt: Die Altersnachfolge in der Kinderchirurgie eines diakonischen Klinikums war weder eigenständig noch in einer Mischkalkulation ökonomisch zu rechtfertigen. Dennoch hat die Klinikleitung entschieden: „Hier sollen weiter Kinder chirurgisch versorgt werden können. Und nicht nur auf Standardniveau, sondern auch im Zuge der BG-Versorgung!“ Eine seltene Haltung, die wirtschaftliche Stabilität und die Unterstützung der Teams voraussetzt.

Was bedeutet das für die Versorgung?

Ich glaube nicht, dass die Versorgung allein aufgrund der Änderungen in der Krankenhausfinanzierung kurzfristig flächendeckend zusammenbrechen wird. Viele Krankenhäuser reagieren verantwortungsvoll und finden intelligente Lösungen in bestehenden Strukturen. Auch der oben genannte Kunde gibt die Onkologie nicht auf, baut sie aber auch nicht aus. Dennoch verändert sich die Entscheidungslogik. Früher stand häufig die Frage im Mittelpunkt: „Was brauchen unsere Patient*innen zusätzlich – und was passt gut zu unserem Leistungsspektrum und Versorgungsauftrag?“ Heute lautet sie immer häufiger: „Was können wir uns unter den neuen Rahmenbedingungen überhaupt noch leisten?“ Das ist kein Vorwurf an einzelne Klinikträger. Es ist eine Konsequenz der Bedingungen, unter denen sie wirtschaften müssen.

Mein Fazit

Gesundheitspolitische Reformen sollen die Versorgung verbessern, Qualität sichern und Wirtschaftlichkeit erhöhen. Ob das gelingt, werden die kommenden Jahre zeigen. Eine unmittelbare Folge sehen wir schon heute: Die Personalplanung vieler Krankenhäuser wird deutlich vorsichtiger. Strategische Entwicklungen werden verschoben, Personalentscheidungen orientieren sich stärker an regulatorischen Vorgaben und wirtschaftlichen Zwängen. Für uns als Personalberatung ist das täglich sichtbar. Denn bevor Reformen in Statistiken auftauchen, verändern sie die Gespräche in Geschäftsführungen, die Suchprofile der Kliniken und die Karriereentscheidungen von Führungskräften. Vielleicht ist genau das der früheste Indikator dafür, wie tiefgreifend sich unser Gesundheitswesen gerade verändert.