Henne-Bruns

Eine Chirurgin macht Karriere: Prof. Dr. Henne-Bruns im Interview

Professorin Dr. Doris Henne-Bruns wurde als erste Frau in Deutschland auf einen chirurgischen Lehrstuhl berufen. 19 Jahre lang war sie als Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein-​ und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Ulm tätig, inzwischen ist sie im Ruhestand. Ihre Karriere findet nur wenig Nachahmerinnen: unsere SOLUTE-Gender-Studie zu ärztlichen Leitungspositionen hat gezeigt, dass 91 % der ärztlichen Direktoren in deutschen Kliniken Männer sind. Im Interview mit SOLUTE haben wir die Chirurgin befragt, wie sie das Thema Gender in ihrer beruflichen Laufbahn erlebt hat.

Wie haben Sie das Thema Gender in Ihrem Berufsleben erlebt?

Als ich 1981 meine Weiterbildung begann, existierte das Thema Gender praktisch nicht. Es gab, insbesondere in der Chirurgie, ausreichend männliche Bewerber, sodass keine Notwendigkeit bestand, besondere Rücksicht auf die Belange von Kolleginnen zu nehmen. Erst mit dem zunehmenden Nachwuchsmangel, insbesondere in männlich dominierten Fachgebieten, gewann das Thema an Bedeutung.

Wieso empfanden Sie die Position der ÄD erstrebenswert?

Im Laufe meiner beruflichen Entwicklung hat mich immer die Neugier, neue Herausforderungen zu meistern, begleitet. Nachdem ich in Kiel als stellvertretende Direktorin in der Allgemein- und Viszeralchirurgischen Klinik tätig war, empfand ich es als reizvoll, selbst die Gestaltung einer chirugischen Abteilung zu übernehmen. Die Möglichkeit der Übernahme einer Leitungsposition war nicht mein primäres Ziel, sondern hatte sich aus dem Berufsweg ergeben.

Wo sehen Sie mögliche Gründe dafür, dass so wenige Frauen ärztliche Direktorinnen sind?

Der lange Weg zu der entsprechenden Qualifikation und die Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind m.E. als wesentliche Gründe anzusehen. Das Thema hat viel mit den Rahmenbedingungen in Deutschland bezüglich der Kinderbetreuungsmöglichkeiten/Schule zu tun. Es hat aber auch mit dem von Männern dominierten Wertesystem bezüglich der Qualifikationsanforderungen an bestimmte Positionen zu tun und mit den Auswahlmodalitäten, die häufig nach dem Prinzip der „homosozialen Reproduktion“ erfolgen.

 

Franziska Funk, Assistentin Marketing & PR