Das Praktische Jahr – die Ausbildung junger Ärzte und Ärztinnen in Deutschland

Unser Gesundheitssystem ist durch die Pandemie herausgefordert, wie nie zuvor. Überlastung der Intensivstationen, Personalmangel, ein immens hoher organisatorischer Aufwand und zahlreiche andere Aspekte haben im vergangenen Jahr zu einem Ausnahmezustand in Krankenhäusern weltweit geführt. Unter genau diesen Umständen lernte Julia Stefanik, Medizinstudentin, den Klinikalltag kennen. In ihrem praktischen Jahr hat sie bereits mehrere Bereiche durchlaufen und berichtet im Interview mit SOLUTE von ihren Erfahrungen.

 

Liebe Frau Stefanik, erzählen Sie uns doch kurz ein paar Worte zu sich. Woher kommen Sie, wo und was studieren Sie und seit wann?

Ich komme aus Gütersloh und bin 2014 ins schöne Düsseldorf gezogen, da ich hier mein Studium der Humanmedizin begonnen habe. Aktuell bin ich im dritten und somit letzten Tertial meines praktischen Jahres.

Warum haben Sie sich für ein Medizinstudium entschieden?

Ich fand die Medizin schon immer interessant und neben meinen sprachlichen Lieblingsfächern wie Französisch und Spanisch mochte ich die naturwissenschaftlichen am liebsten. Zudem wollte ich schon immer wissen, wie man Menschen auf medizinischer Ebene am besten hilft und strebte deshalb an, dieses Wissen zu erlangen.

Derzeit absolvieren Sie Ihr PJ (Praktisches Jahr) bei einem großen deutschen Maximalversorger. Welche Abteilungen haben Sie dort bisher durchlaufen? Welche stehen noch an?

In einem Uniklinikum habe ich mein erstes Tertial absolviert. Dieses habe ich in der Pädiatrie verbracht und war super zufrieden. Danach bin ich für das zweite Tertial in ein anderes Krankenhaus gewechselt und war dort vier Monate in der internistischen Abteilung unterwegs. Aktuell befinde ich mich im dritten Tertial der Chirurgie im selben Haus.

In welcher Abteilung hat es Ihnen bislang besonders gut gefallen und warum?

Mir hat es bisher am aller besten in der Pädiatrie gefallen, da dieses Fach mich super begeistert und motiviert, eine gute Ärztin zu werden. Es ist einfach unglaublich schön, wie sehr man den Kleinsten unter uns in sehr schwierigen Lagen helfen kann und wie das Outcome der Patienten sich dadurch verbessern kann. Auch die Chirurgie hat mich die letzten Wochen begeistern können und mir hat es wirklich Spaß gemacht chirurgische Tätigkeiten lernen zu dürfen, die man später auch in anderen Fachgebieten gut gebrauchen kann.

In welcher Abteilung eher weniger? Warum war das so?

Ich fand das Tertial in der Inneren Medizin tatsächlich sehr schwierig und anstrengend, da durch die Corona-Patienten einiges anders gelaufen ist als normalerweise. Seminare sind ausgefallen, Lehre hat weniger stattgefunden und Patienten, sowie das gesamte Personal, waren in der Anfangszeit sehr verunsichert und auch etwas ängstlich, wegen der unsicheren Infektionslage. Dadurch sind leider wir Studierende manchmal etwas auf der Strecke geblieben.

Wenn Sie Ihre Praktika und Famulaturen, die Sie vor Einsetzen der Pandemie absolviert haben, mit den Erfahrungen im PJ vergleichen, was stellen Sie fest?

Meiner Meinung nach ist durch die Pandemie eine erhebliche zusätzliche Organisationsbelastung dazu gekommen. Oftmals wussten Kliniken lange Zeit nicht ob und wie sie überhaupt Studierende in der praktischen Lehre am Patientenbett einsetzen dürfen. Meiner Erfahrung nach ist es leider so, dass durch die Pandemie viele Seminare ausfallen und das Personal zu Anfang auch so unter Stress stand, dass sie froh waren, dass wir da waren und alle Aufgaben abnehmen konnten, die sie nicht geschafft haben. Grundsätzlich waren wir immer sehr glücklich darüber, diese Hilfe anbieten zu können, jedoch kam die Lehre dadurch leider oft zu kurz.

Welchen Umstand finden Sie besonders ärgerlich?

Ich finde es sehr schwierig, wenn wir PJ-Studierende als günstige Arbeitskräfte gesehen werden, die Lücken in der Personalbeschaffung füllen sollen. Es ist okay, wenn wir die Blutabnahmen auf unserer Station, in der wir eingeteilt sind, machen und auch Botengänge sind mal okay, aber dies jeden Tag bis in den Nachmittag hinein über mehre Stationen hinweg machen zu müssen, finde ich persönlich sehr ärgerlich und für uns wenig lehrreich.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe hierfür?

Personalmangel, die Überforderung und Überarbeitung des Klinikpersonals und die aktuelle Pandemie, die jegliche Organisation von Praktikanten schwierig gestaltet.

Konnten Ihre Erwartungen an das PJ bisher erfüllt werden?

Bisher konnten meine Erwartungen an das praktische Jahr zumindest in der Pädiatrie voll erfüllt werden. Dort war die Organisation des Personals und der gesamten Klinik so hervorragend, dass man das lernen konnte wofür man da war. In der Inneren Medizin finde ich es zur Zeit schwierig dem Ideal eines praktischen Jahres mit eigener Patientenübernahme und Erlernen von vielen verschiedenen praktischen Tätigkeiten gerecht zu werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um das PJ für angehende MedizinerInnen zu verbessern?

Ich wäre sehr glücklich, wenn Oberärzte bestimmt werden würden, welche direkte Ansprechpartner für die PJ-Studierenden sind und auch für mindestens einmal die Woche wenigstens eine halbe Stunde Coaching anzustreben haben. Zudem würde ich es mir wünschen, dass jeder angestellte Arzt sich vor Augen führen würde, dass die PJ-Studierenden mögliche zukünftige Kollegen von ihnen sind und sich dementsprechend auch uns gegenüber verhalten. In meinen Tertialen waren zum Glück alle Ärzte aufmerksam, höflich und interessiert mir gegenüber, sodass ich gut von diesen Ärzten lernen konnte. Leider habe ich aber auch schon von genau gegenteiligen Begegnungen gehört, was ich sehr schade finde, weil ich denke, dass sich die aufmerksame Einarbeitung eines Praktikanten für alle auszahlen kann. Investiert man zu Anfang etwas mehr Zeit in einen Praktikanten und arbeitet ihn in bestimmte Tätigkeiten ein, kann dieser zu einer großen Hilfe und Stütze für die Ärzte werden und ihnen den Arbeitsalltag erheblich erleichtern.

Wenn Sie das Rad komplett neu erfinden könnten, wie würde die Ausbildung angehender MedizinerInnen aussehen?

Ich würde die 6 ½ Jahre Medizinstudium von Anfang an viel praxisorientierter gestalten. Von Anfang an würde ich die absoluten Basics der Klinikarbeit an die Studierenden herantragen. Mit ihnen üben, wie man Blut abnimmt, wie man jegliche Art von Zugängen legt, wie man das Patientenblatt und die Patientenakte auf Station führt, Notfallmaßnahmen üben und somit perfekt auf den klinischen Alltag vorbereiten. So würden die Studierenden über die Studienjahre viel mehr Selbstvertrauen erlangen, selbständiger arbeiten können, den Ärzten in den Famulaturen und im praktischen Jahr eine viel bessere Hilfe sein und mit Sicherheit auch einen viel entspannteren und sichereren Einstieg in das Berufsleben als Arzt haben.

Fühlen Sie sich durch das PJ gut auf die weiteren Schritte, insbesondere eine mögliche FA-Ausbildung, vorbereitet?

Das PJ war ein erster Schritt, um ein Gefühl für mein späteres Berufsleben zu erlangen und um zu erfahren, was ein Arzt in der Klinik alles für Aufgaben zu erfüllen hat. Dennoch denke ich, dass der Einstieg ins Berufsleben und eine mögliche Facharzt-Ausbildung ein weiterer Meilenstein für sich sind und man erst dann, wenn man alleine die Verantwortung für Patienten trägt, wirklich viel lernen und sich entwickeln kann.

Haben sich durch das PJ Ihre beruflichen Zukunftspläne verändert? Wenn ja, in welcher Weise?

Durch das praktische Jahr wurde ich in meinem Bestreben verstärkt Pädiaterin zu werden. Ich fand die Pädiatrie schon zu Beginn meines Studiums sehr interessant, jedoch wurde mir durch mein praktisches Jahr nochmals bewusst gemacht wie vielfältig und bemerkenswert dieses Fach ist und wie viel Gutes man durch sein Handeln erreichen kann.

 

Vielen Dank für Ihre Zeit und die Beantwortung der Fragen!

Wir von SOLUTE wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft und viel Erfolg beim dritten Staatsexamen.

 

Franziska Funk, Assistentin Marketing & PR

 

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