Digitalisierung und Modernisierung im deutschen Klinikmarkt – digitales Update dank KHZG

Die Krankenhäuser und Kliniken in Deutschland stehen nicht erst seit gestern vor immensen Herausforderungen. Die aktuelle Lage hat die Situation allerdings verschärft und lang verpasste Modernisierungs-Notwendigkeiten verdeutlichen: Das Krankenhaus von morgen muss digital sein! Im Interview mit SOLUTE berichtet ein erfahrener IT-Leiter aus einem kommunalen Klinikverbund in Süddeutschland, wie der Digitalisierungsgrad deutscher Krankenhäuser derzeit aussieht und welche Herausforderungen die Etablierung und Instandhaltung einer umfassenden IT-Infrastruktur mit sich bringt.

Die Nutzung digitaler Technik im Gesundheitswesen im Allgemeinen und im Krankenhaus im Speziellen bietet viele Chancen zur Verbesserung der Patientenversorgung und Patientensicherheit, für effizientere Abläufe und Kommunikationsprozesse sowie für die Versorgungsforschung. Die technischen Voraussetzungen sind gegeben. Dennoch hinkt Deutschland bei der Digitalisierung hinterher und droht weiter zurückzufallen. Nach der EMRAM-Logik (Bewertungsskala für den Digitalisierungsgrad von Krankenhäusern) erreichen die deutschen Krankenhäuser im Durchschnitt nur einen Wert von 2,3 und sind damit im Vergleich zu anderen Ländern nur unterdurchschnittlich digitalisiert. Der Abstand zum europäischen Durschnitt (3,6) hat sich zudem in den letzten Jahren vergrößert.[1]

Die System- und Gerätevielfalt in Kliniken und Krankenhäusern führt zu einer hohen Komplexität. Die Netzwerkinfrastruktur in vielen Einrichtungen wurde jedoch vor mehr als 15 Jahren geplant und nicht mehr oder kaum modernisiert. Die Anforderungen sind stark gewachsen und haben sich verändert, die Hardware ist allerdings noch dieselbe wie früher.

Das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) soll den Krankenhäusern ein digitales Update verschaffen. Durch den Krankenhauszukunftsfond (KHZF) vom Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) werden Projekte mit einem Gesamtvolumen von bis zu 4,3 Milliarden Euro gefördert. Für Krankenhäuser gilt es, diese Fördermittel zu nutzen. Denn das Krankenhauszukunftsgesetz sieht vor, dass Krankenhäuser ohne ausreichende Digitalisierung ab 2025 bis zu zwei Prozent ihrer DRG-Erlöse verlieren.[2]

Wichtig ist dafür aber nicht nur die Bereitstellung der finanziellen Mittel, sondern auch die erforderlichen Organisationsstrukturen und Lösungsansätze in Form eines digitale Gesamtkonzeptes zu schaffen. Denn nur durch ganzheitliche Strategien und die Schaffung eines Rahmens für neue Infrastrukturen kann das Gesundheitswesen effizienter, effektiver und vor allem sicherer gestaltet werden. Der schwere Hacker-Angriff auf die Uniklinik Düsseldorf im September 2020 offenbarte, wie verwundbar deutsche Kliniken weiterhin sind.

Zu diesen Themen haben wir uns mit einem erfahrenen IT-Leiter aus einem kommunalen Klinikverbund in Süddeutschland ausgetauscht und insbesondere die Anforderungen der einzelnen Stakeholder und Entscheider genauer betrachtet.

Wie schätzen Sie aktuell den Stand der Digitalisierung in Krankenhäusern ein? Was ist fast überall Standard, was noch eher exotisch und warum?

Die Digitalisierung wird derzeit mit Nachdruck in allen Bereichen vorangetrieben. Basisfunktionen wie Labor, Pathologie, RIS und weitere Subsysteme wurden bereits seit vielen Jahren umgesetzt und an die zentralen Systeme KIS, PACS oder DMS/ECM angebunden. Die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung wie WLAN oder IT-Sicherheitssysteme wurden beschafft und umgesetzt. Herausforderungen bestehen weiterhin in der Abspeicherung und damit in der Organisation von großen Datenmengen. Abhängig von Schwerpunkten der Krankenhäuser und der IT-Abteilungen sind verschiedene Systeme noch anzubinden bzw. Prozesse zu definieren. Hierbei sind neue Techniken zu berücksichtigen.

Welche Strukturen müssten geschaffen werden durch Geschäftsführung und/ oder IT-Leitungen, um Digitalisierung in den Krankenhäusern maßgeblich voranzutreiben?

Wichtig ist hier nicht nur die Bereitstellung der finanziellen Mittel, sondern auch die Unterstützung der Digitalisierungsprozesse. Oberstes Ziel bei diesbezüglichen Entscheidungen/Neuanschaffungen muss die Einbindung in das digitale Gesamtkonzept sein. Eine Digitalisierungsstrategie gibt hierzu den richtigen Rahmen. Prozesse sind zu analysieren und mittels aktueller IT-Technik und Prozessmethoden umzusetzen.

Wo liegen die Herausforderungen beim Datenschutz im Gesundheitswesen?

Der Datenschutz muss im Krankenhausbereich hohe Priorität haben. Hier entsteht die Herausforderung, dass Datenschutzsysteme meist im Gegensatz zu der Bedienbarkeit der Systeme stehen. Auch muss beachtet werden, dass in wirklichen Notfällen die Daten den behandelnden Mitarbeitern (z. B. Arzt in der Notaufnahme) zur Verfügung stehen müssen. Hier ist ein detailliertes Rechtekonzept (z. B. Notfall-Funktion) zu entwickeln und umzusetzen.

Wie sollte die IT-Infrastruktur im Krankenhaus aussehen, um Sicherheit zu gewährleisten?

Grundsätzlich sind alle relevanten Systeme zu vernetzen, um eine sinnvolle Datenübertragung zu ermöglichen. Allerdings müssen diese Systeme auch soweit voneinander getrennt werden (z. B. über VLANs, Ports), um bei einem (Sicherheits-)Vorfall auch nicht das gesamte Krankenhaus-Netzwerk zu treffen. Dies beginnt bereits bei der Beschaffung von (Medizin-)Geräten. Hier werden oft noch Geräte mit veralteten Betriebssystemen beschafft bzw. mit Funktionen ausgeliefert, die den Sicherheitsvorgaben nicht entsprechen (z. B. freie USB-Laufwerke).

Obwohl Einigkeit darüber herrscht, dass IT-Sicherheit immens wichtig ist, scheint es für die meisten Menschen, auch für das Krankenhauspersonal, eher ein lästiges Thema zu sein. Erleben Sie das auch so?

Ist verständlich, da z. B. das erneute Anmelden immer die Unterbrechung der aktuellen Arbeit bedeutet. Als Vergleich wird oft die private Nutzung von IT-Geräten herangezogen. Aufgrund der Sicherheitsvorfälle in den letzten Jahren hat sich das aber bereits positiv gebessert.

Stichwort mobile Endgeräte: Krankenhäuser können von mobilen digitalen Geräten profitieren, die dem Personal die Arbeit erleichtern und die Qualität erhöhen – wie sehen Sie diesen Trend unter dem Aspekt der IT-Sicherheit?

Digitales Arbeiten wird nur mit mobilen Endgeräten funktionieren. Wenn bei der Visite die Daten noch manuell in die Papierakte erfasst werden, ist der Digitalisierungsprozess unterbrochen. Mittlerweile gibt es viele Techniken und Geräte, um eine datenschutzrechtliche Bearbeitung zu ermöglichen (z. B. Virtualisierungstechniken wie vmware horizon/Citrix, Festplattenverschlüsselung).

Ein Blick in die Zukunft: Was denken Sie, wie digital werden Krankenhäuser in etwa fünf Jahren sein und wo liegen die weiteren Herausforderungen?

Die Digitalisierung bringt einen echten Mehrwert für die Krankenhäuser. Neben dem Zusammenschluss der verschiedenen Systeme wie IT, Medizintechnik oder Betriebstechnik wird die Vernetzung mit den Stakeholdern eine wichtige Rolle spielen. So werden zukünftig die Daten der Wearables der Patienten mit in die Diagnostik einbezogen werden müssen. Mittels parallelen Ausbaus der Data Literacy wird die Datenqualität weiter verbessert, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aufgrund des Drucks in der Umsetzung der digitalen Transformation in allen Bereichen wird die Bewerbersituation auch bei den Krankenhäusern sich weiter verschärfen. Die Themen KI (Spracherkennung, Diagnostik), Robotik oder Blockchain werden zukünftig noch eine größere Rolle spielen.

 

Franziska Bohnhardt, Senior Research Consultant, Leitung Research

 

[1] Stephani, V., Busse, R., & Geissler, A. (2019). Benchmarking der Krankenhaus-IT: Deutschland im internationalen Vergleich. In Krankenhaus-Report 2019 (pp. 17-32). Springer, Berlin, Heidelberg).

[2] (Vgl: Bundestag: Gesetz für ein Zukunftsprogramm Krankenhäuser (Krankenhauszukunftsgesetz – KHZG). Bundesgesetzblatt Jahrgang 2020 Teil I Nr. 48, ausgegeben zu Bonn am 28. Oktober 2020. Bundesanzeiger Verlag. Abgerufen am 16.04.2021 unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien)

 

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