Als Frau erfolgreich in der Medizin: Interview mit Prof. Dr. Uta Donges, ärztliche Direktorin einer großen Brandenburger Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie

Prof. Dr. Uta Donges, ärztliche Direktorin am Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde in Brandenburg, Dozentin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité und nicht zuletzt Mutter von zwei Söhnen ist eine der wenigen Ärztinnen in der höchsten Führungsriege im ärztlichen Dienst in Deutschland. Die kürzlich erschienene SOLUTE-Gender-Studie hat gezeigt, dass nur 9 % der ärztlichen Direktionen in deutschen Kliniken von Frauen angeführt werden. Im Interview mit SOLUTE erzählt die erfolgreiche Medizinerin, wie sie die Gender-Thematik in ihrer Karriere erlebt hat, warum Karriere nicht mit familiärem Verzicht einhergehen muss und warum Frauen in der Medizin sich mehr zutrauen sollten.

Wie haben Sie das Thema Gender in Ihrem Berufsleben erlebt?

Für Frauen ist die Geschlechterdebatte ein wichtiges Thema. Je höher die berufliche Position, umso mehr Relevanz kommt der Thematik zu. Als junge Assistenzärztin mag man die Problematik noch verdrängen können, doch ich stellte auch zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere bereits fest: Es gibt deutlich mehr Oberärzte als Oberärztinnen. Letztlich begleitete mich die Auseinandersetzung mit der Genderthematik also von Anfang an in meinem Berufsleben. Auffällig fand ich ebenfalls von Beginn an, dass Netzwerke unter Frauen oft fehlen und bestehende Netzwerke in der Medizin von Männern dominiert werden, in die Frauen aufgrund der homosozialen Strukturen unter Männern oft nur schwer Zugang finden.

Stellen Sie eine Veränderung der Thematik im Vergleich zwischen Ihrem Berufseinstieg und heute fest?

In meinen Augen wird heute mehr darüber gesprochen und es gibt ein höheres gesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik, aber kaum sichtbare Verbesserungen. Insbesondere in gesundheitswirtschaftlichen Konzernen sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Dies zeigt sich ja auch in der SOLUTE-Studie.

Wieso empfanden Sie die Position der ÄD erstrebenswert?

Ich empfinde die Position als sehr reizvoll aufgrund ihrer gestalterischen Komponente. Sie eröffnet mir weit umfänglichere Möglichkeiten als andere Positionen. In meiner aktuellen Position als ärztliche Direktorin der Psychiatrie und Psychosomatik im Martin Gropius Krankenhaus Eberswalde bietet sich mir die Chance, Behandlungsrichtungen aktiv zu gestalten, neue Wege einzuschlagen. Hinzu kommt, dass ich in meiner jetzigen Position mehr Patienten helfen kann als noch in meinen beruflichen Anfängen.

Besonders relevant ist für mich außerdem, dass ich in dieser Position Frauen fördern kann. Meiner Meinung nach fehlen in der Medizin weibliche Vorbilder, die besonders jungen Ärztinnen vorleben, dass Frauen in der Medizin genauso erfolgreich sein können wie Männer und die zeigen, dass Familie kein Hemmnis für die Karriere sein muss.

Sind Ihnen persönlich Hürden auf dem Weg zur ärztlichen Direktorin begegnet, die Sie mit der Tatsache in Verbindung bringen würden, dass Sie eine Frau sind?

Ich denke, die Metapher „gläserne Decke“ beantwortet diese Frage sehr trefflich. Ich persönlich habe keine offensichtliche Diskriminierung erlebt, nichtsdestotrotz sind mir durchaus unsichtbare Hemmnisse begegnet. So sind beispielsweise Forschungsstrukturen meist männlich dominiert, so dass der Zugang für Frauen durchaus schwierig ist. Man wird nicht direkt ausgeschlossen, aber eben auch nicht ausreichend unterstützt. Oft mangelt es auch an gegenseitiger Förderung unter Frauen. Umso wichtiger ist es mir heute, ein Exempel zu statuieren, das zeigt, dass man es auch als Frau schaffen kann.

Wo sehen Sie mögliche Gründe dafür, dass so wenige Frauen ärztliche Direktorinnen sind?

Frauen sind oft sehr selbstkritisch – Selbstzweifel, fehlender Mut und wenig Risikobereitschaft sorgen dafür, dass einige sich eine höhere Position nicht zutrauen. Gerade diese Frauen möchte ich jedoch bestärken, denn weil mir es gelungen ist, traue ich es auch anderen zu, höherrangige Positionen zu bekleiden. Sehr wesentlich ist zudem der Aspekt Familie. Die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern kann herausfordernd sein, aber viele Frauen haben ein ausgesprochen gutes Organisationstalent. Genauso gut, wie sie ihr Arbeitsleben organisieren können, ist es ihnen ebenfalls möglich, ihr Familienleben in Einklang mit ihrer Karriere zu strukturieren.

Welche Möglichkeiten gäbe es, um Frauen entweder den Zugang zu diesen Positionen zu erleichtern oder Anreize zu schaffen, damit derartige Positionen für Frauen attraktiver sind?

Vorbilder und Mentorinnen sind in diesem Punkt zentral – um zu zeigen, dass es möglich ist. Ich halte es des Weiteren für wichtig, Frauen Freiräume einzuräumen, Flexibilität zu ermöglichen. Es muss Unterstützung angeboten werden und Verständnis an den Tag gelegt werden. Ich habe es oft erlebt, dass Medizinerinnen sich trotz Kindern wunderbar entwickelt haben: Auch wenn das Kind mal krank ist, läuft die Arbeit ohne Komplikationen weiter, weil Frauen sich sehr gut organisieren. Der Arbeitgeber sollte Verständnis für Kinder bzw. für Mütter zeigen und sich an familiäre Strukturen anpassen. Letztlich müssen wir jedoch weiterdenken: Es bedarf gesellschaftlicher Strukturen, die es selbstverständlich machen, dass auch Frauen Karriere machen und die Aufhebung alter überholter Denkmuster. Natürlich ist auch der Ausbau von Betreuungsangeboten in Schulen und Kitas von Relevanz. Hilfreich finde ich ebenfalls, nicht nur Betreuungsangebote wahrzunehmen, sondern auch im privaten Bereich (z.B. im Haushalt) Unterstützung zu suchen, um sich beruflich weiterentwickeln zu können.

Was wünschen Sie sich hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung des Themas Frauen in der Medizin bzw. Frauen in Führungspositionen in der Medizin?

Ich wünsche mir, dass schneller mehr Frauen und vor allem mehr Mütter Führungspositionen erreichen. Familie muss nicht Verzicht auf Karriere bedeuten. Die Corona-Pandemie hat jedoch gezeigt, dass wieder Frauen zuerst Abstriche machen und sich der Betreuung der Kinder widmen. Ich hoffe, dass sich unsere Gesellschaft in diesem Aspekt weiterentwickelt.

Bei der jungen Generation sind schon einige Änderungen sichtbar: Männer übernehmen gleichberechtigt Aufgaben und auch die Elternzeit wird mehr genutzt. Allerdings wäre es hilfreich, wenn die jungen Männer diese nicht gleichzeitig mit der Frau nehmen, sondern nacheinander. Außerdem könnten auch mehr Männer Teilzeitmöglichkeiten in Anspruch nehmen.

Familie ist keine Belastung. Man muss sich nicht für entweder/oder entscheiden, sondern beides ist möglich und kann gelebt werden. Ganz ohne Abstriche geht es natürlich am Ende auch nicht – wie es schon Madonna sagte: Man kann Kinder und Karriere haben, aber dann nicht genug Schlaf. Aber Kinder bleiben ja auch nicht ewig klein, sondern werden mit der Zeit selbstständiger, so dass sich auch als Eltern wieder mehr Möglichkeiten eröffnen. Wichtig ist, dass es machbar ist, Karriere und Familie zu vereinbaren, wenn Frauen das möchten.

 

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Prof. Dr. Donges für das interessante Interview und wünschen ihr weiterhin alles Gute für ihre Zukunft – sowohl beruflich als auch privat.

 

Das Interview führte Franziska Funk, Assistentin Marketing & PR.

 

Bild Ärztin: Getty Images Signature by lementince via Canva